In Genf herrscht seit vielen Jahren Wohnungsnot. Eine passende Wohnung zu finden, ist sehr schwierig.
Schwerpunkt

Massgeschneiderte Begleitung für eine dauerhafte Wohnung

03.03.2025
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In Genf setzt sich das für die Sozialhilfe zuständige Hospice général gegen Obdachlosigkeit und Wohnungsverlust ein. Es fördert den langfristigen Wiedereinstieg in ein stabiles Wohnen – für unterstützte Personen ebenso wie für die gesamte Genfer Bevölkerung. Ein Wohnbegleitdienst des Hospice général bietet gezielte Hilfen, angepasste vorübergehende Unterkünfte und eine persönliche Betreuung, um eine dauerhafte Rückkehr in eine Wohnung zu fördern.

Der Kanton Genf ist seit den 1990er-Jahren mit einer chronischen Wohnungsnot konfrontiert (0,46 Prozent Leerstandsquote im Jahr 2024). Sie bedroht insbesondere Haushalte mit niedrigem Einkommen und erhöht das Risiko, in prekäre Verhältnisse abzurutschen. Diese Problematik hat starke Auswirkungen auf die prekärsten Bevölkerungsschichten. Im Jahr 2023 hatten mehr als 23 Prozent der von der Sozialhilfe unterstützten Personen ein Wohnungsproblem, und fast 6 Prozent hatten gar keine Wohnung. Seit 2010 verfügt das Hospice général deshalb über ein Team, das sich dieser Problematik annimmt: der Wohnbegleitungsdienst.

Im Laufe der Zeit wurde der Zugang zu Wohnraum, zu einem Zuhause sowohl intern als auch auf politischer Ebene als Grundbedürfnis und entscheidendes Element für einen erfolgreichen Prozess der sozialen und beruflichen Integration anerkannt.

Zu den Aufgaben der Wohnbegleitung gehört es, neue Lösungen für eine vorübergehende Unterbringung oder Notunterkünfte zu suchen und sich mit den lokalen Akteuren im Bereich der Unterbringung und des Wohnens zu vernetzen. Dies mit dem Ziel, eine Begleitung aufzubauen, die auf die Rückkehr oder den Zugang zu einer Wohnung ausgerichtet ist. Das Angebot richtet sich an die ganze Genfer Bevölkerung. Die Abteilung ist in drei Einheiten organisiert: Mieterunterstützung, Unterkunftsvermittlung und vorübergehende Unterbringung.

Mieterunterstützung

Die Abteilung für Mieterunterstützung hilft allen Personen, die Probleme mit ihrem Wohnraum haben. Dabei bietet sie Unterstützung in verschiedenen Phasen des Mietverhältnisses: Bei einer Mahnung wegen Mietrückständen ermöglicht das Programm «Domos» unter bestimmten Bedingungen die Übernahme offener Zahlungen. Das Sozialteam trifft sich mit den Mietern, um ihre Situation zu analysieren und die Mietrückstände auszugleichen. Dadurch kann der Wohnraum gesichert werden, während gleichzeitig Beratung und Orientierung angeboten werden, um künftige prekäre Situationen zu vermeiden. Dieses interinstitutionelle System wurde nach der Covid-19-Krise entwickelt, um Haushalte mit vorübergehenden finanziellen Schwierigkeiten zu unterstützen, die andernfalls den Verlust ihrer Wohnung riskiert hätten. «Domos» trägt auch dazu bei, die oft langwierigen und kostspieligen Räumungsverfahren zu vermeiden und ein Vertrauensverhältnis zwischen Mietenden und Vermietenden sowie Hausverwaltungen zu schaffen. Aufgrund seiner positiven Bilanz wurde das Pilotprojekt, das während der zweijährigen Testphase mehr als 240 Haushalten geholfen hat, 2024 fortgesetzt. «Domos» hat sich auch als wirksames Instrument zur Bekämpfung des Nichtbezugs erwiesen: 2024 konnten fast 32 Prozent der Personen, die sich an «Domos» gewandt hatten, nach einem Gespräch mit dem Sozialteam Sozialhilfeansprüche geltend machen.

Die Abteilung für die Mieterunterstützung wird auch bei Zwangsräumungsverfahren tätig, indem sie beim Mietgericht anwesend ist oder Personen begleitet, die von einem rechtskräftigen Räumungsurteil betroffen sind. Ziel ist es, ihnen zu helfen, einen Antrag auf eine Notwohnung für gerichtlich geräumte Personen dem kantonalen Amt für Wohnungswesen und Bodenplanung zu stellen.

Die Fachabteilung Unterbringung ist intern und extern Hauptansprechpartner für alle Probleme im Zusammenhang mit der Unterbringung oder dem Wohnen. Sie unterstützt das Personal der Einrichtung und beantwortet die Anfragen des Beherbergungsnetzes (Genfer Vereinsnetz) oder der Hoteliers für Vorschläge, Projekte oder Partnerschaften.

Sie unterstützt die Mitarbeitenden in verschiedenen Aspekten bei Problemen im Zusammenhang mit der Unterbringung von unterstützten Personen. Von der Unterbringung in einer Obdachlosenunterkunft bis zur Mobilisierung verschiedener Arten von Not- oder temporären Unterkünften werden verschiedene Lösungen angeboten, die an die jeweilige Situation angepasst sind, wie Hotelzimmer, reservierte Plätze in den Partnerstrukturen der Vereine oder freie Plätze in den Unterkünften des Hospice général. Die Fachleute der Abteilung bringen ihr Fachwissen auch in einen Workshop zur Wohnungssuche für unterstützte Personen ein, die sich in einer prekären Wohnsituation oder in einer Kollektivunterkunft befinden. Die Workshops vermitteln Schlüsselkompetenzen zur Wohnungssuche im spezifischen Genfer Kontext, und sie bieten Unterstützung bei allen administrativen Schritten, die mit der Wohnungssuche verbunden sind.

Zeitlich begrenzte Unterbringung

Die Abteilung für zeitlich begrenzte Unterbringung hat die Aufgabe, eine individuelle, zeitlich begrenzte Notunterkunft in Verbindung mit einer aufsuchenden Betreuung bereitzustellen. Spezielle Unterbringungsmöglichkeiten bieten eine bessere Alternative zu Hotelzimmern, da diese keine stabile Umgebung bieten und eine teure und ungeeignete Lösung darstellen. Zudem fördern sie soziale Isolation und Marginalisierung der untergebrachten Personen. Die Einheit begleitet wohnungslose Menschen auf dem Weg zu einer dauerhaften Wiedereingliederung durch persönliche Betreuung und die Nutzung von Angeboten wie Sozialwohnungen und Apartments auf Zeit.

Die Einheit verwaltet drei Sozialwohnungen sowie 33 Apartments auf Zeit, die sich im Stadtzentrum von Genf befinden. Die Einheit unterstützt ausserdem die Bewohnerinnen und Bewohner der Wohngemeinschaft Les Maraîchers mithilfe der ambulanten Psychiatrie.

Diese verschiedenen Unterbringungskonzepte bieten eine persönliche Betreuung vor Ort, die auf die aktive Suche nach einer dauerhaften Wohnung ausgerichtet ist. Die Unterstützung, erfolgt in enger Zusammenarbeit mit der zuständigen Sozialarbeiterin oder dem Sozialarbeiter. Sie basiert auf dem gemeinsamen Ziel mit der unterstützten Person, Hindernisse für den Zugang zu einer festen Wohnung zu beseitigen, einschliesslich Entschuldung, Erlernen von Verwaltungsverfahren und Wohnkompetenzen. Die Einheit arbeitet auch am sozialen Zusammenhalt durch gemeinsame Aktivitäten, um die Beziehungen zwischen Bewohnern und Nachbarschaft zu stärken.

Seit 2014, als die ersten Apartments auf Zeit bereitgestellt wurden, hat sich dieser neue Betreuungsansatz bewährt: 2024 konnten alle 19 Haushalte, die diese Apartments verlassen haben, eine eigene Wohnung mit Mietvertrag beziehen. Die Sozialwohnungen waren das ganze Jahr über nahezu voll belegt, mit einer Auslastung von 95 Prozent und insgesamt 348 aufgenommenen Personen. Etwa 60 Prozent der Auszüge aus den Unterkünften führten zu einer dauerhaften Wohnlösung, sodass insgesamt 124 Personen nach ihrer Unterbringung in einer Unterkunft eine stabile Wohnung beziehen konnten.

Melody Cebey Vazquez, Leïla Badiss
Service d’accompagnement au logement, Hospice général